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Hamburg: Edgar Wallace im Pornokino

Michael Müller Verlag - Matthias Kröner -

Wer mag sie nicht, die alten Reißer von Edgar Wallace, von denen einige noch in Schwarz-Weiß gedreht wurden? 

Otto persiflierte sie, häufig spielte der widerwärtig-geniale Kinski mit, sie haben außergewöhnlich absurde Titel – Der Mönch mit der Peitsche, Das indische Tuch, Der grüne Bogenschütze –, und meine Eltern und ich verfolgten solche und andere Kinostreifen jeden Samstag nach dem Vorabendgottesdienst in einem der frühen Privatsender. Wir sind Katholiken und beherrschen es, scheinbar Widersprüchliches zu vereinen… Unvergessen bleibt ein Ausspruch meiner Mutter, den sie in tiefstem Fränkisch tätigte: »Di schderm ja wie di Muggn.« 

Im Imperial Theater gleich zu Beginn der Reeperbahn kommen solche Klassiker seit 2003 auf die Bühne. An einem Donnerstag im September schaue ich mir den Frosch mit der Maske an.

Kriminalstücke von Edgar Wallace

Wo?

  • Imperial Theater, Reeperbahn 5
  • U3 St. Pauli

Wann?

  • Jeden Do/Fr/Sa um 20 Uhr

Wie lange?

  • Etwa 2,5 Stunden

Wie viel?

Das Imperial

Das Imperial ist ein ehemaliges Pornokino, das – keine Angst! – aufwendig renoviert und umgebaut wurde. Trotzdem wirkt es auf gute Art aus der Zeit gefallen. Der samtrote Theatervorhang trägt dazu bei, mit seiner Borte aus Knarren und den Flaschen mit Totenköpfen. Weil diesmal weniger Karten verkauft werden, bekomme ich ein Upgrade: ins Parkett – und dort in die zweite Reihe, wow! Getränke dürfen ins Theater mitgenommen werden, weswegen es shakespearehafter zugeht als in anderen Häusern, weniger zugeknöpft, populärer, ohne anbiedernd oder salopp zu sein. Wer keine fünf- bis sechsstelligen Subventionen erhält, entwickelt andere Ideen, um mögliche Schwellenängste zu mindern. Als die Lautsprecherdurchsage ertönt, bin ich bereits im Thema. »Hallo, hier spricht Edgar Wallace!« Eine Titelmelodie, die einen ähnlichen Sog wie die alten Bond-Songs hat. Nostalgie pur! Die Ausstattung und das Outfit der Schauspieler sind großartig. Man fühlt sich versetzt in die Nachkriegszeit: karierte Anzüge, exquisite Manieren, Slapstickelemente. Während sich die Londoner Nebelstory in wilden und gekonnt gemachten (Kurz-)Szenen abrollt, frage ich mich, ob das Theater dem Kino und Streamingdiensten doch überlegen ist … Auch wegen der Schreckschusspistolen, die einen herrlich auffahren und zucken lassen!

In der Pause im kleinen Foyer werden Wallace-Hörspiele für 8 Euro verkauft. Ich staune über eine Büchersäule, in der die roten Goldmann-Krimiklassiker hinter Glas gepackt sind, darunter Das Geheimnis der Stecknadel oder Zimmer 13. Das alles ist liebevoll arrangiert und kommt ohne Schickimicki-Getue aus. Man verzehrt Laugenbrezen statt Pastetchen, man nimmt sich Cola mit statt Champagner.

Nein, ich bin kein Feind des elitären Theaterbetriebs! Das Deutsche Schauspielhaus (2017 habe ich dort Unterwerfung mit dem genialen Edgar Selge gesehen), das Thalia Theater (hier traten schon Tocotronic auf) und die Kammerspiele (Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür wurde dort uraufgeführt) leisten Hervorragendes. Doch manchmal darf es auch Unterhaltung sein, die in diesem Saal mit den Kinoklappsitzen so echt daherkommt, dass ich mich fast wieder fühle wie damals auf der Couch nach dem Vorabendgottesdienst, wenn wir zusahen, wie Menschen wie Mücken starben – und uns wohlig gruselten…


Wenn man schon mal hier ist

Man könnte sich vor dem Theatererlebnis stärken, möglicherweise im Kuchnia oder, wenn es exklusiver und abseitiger sein soll, im Salt & Silver. Hinterher, gegen 22.30 Uhr, drängt es sich geradezu auf, über die Reeperbahn zu flanieren und eine Tankstellentour durch drei Kiezkneipen zu unternehmen …

Mehr dazu im Reiseführer »Hamburg Stadtabenteuer«